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Talent, Genie, oder doch Arbeit? - Neues aus der Lernforschung

A bisserl was sollt’ man schon in den Genen haben, wenns zum “Genie” reichen soll. Ganz ohne Talent wird keiner zum Mozart, Einstein, Kant oder Kasparov. Aber diese “Mitbringsel” sind kaum mehr als biologische Möglichmacher und bestimmt nicht, wie manche unverbesserlichen Romantiker glauben, ein “Angehauchtsein” aus einer höheren, gar göttlichen Sphäre.

talent-lüge coyle

Im Blick der modernen Forschung etwa verdankte Mozart seine musikalischen Fähigkeiten im Kindesalter weniger einer angeborenen Geistesgabe als früher Förderung und seine ersten Kompositionen waren nichts Ungewöhnliches, sondern mehr oder weniger von den “Großen” abgekupferte Übungsarbeiten. Mozart war zwar schon in sehr jungen Jahren ein guter Musiker, aber er würde im Vergleich mit heutigen “hochgezüchteten” kindlichen Spitzenkönnern nicht herausragen.

Die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse der führenden US-Lernforscher Anders Ericsson und Benjamin Bloom sind nun fast zeitgleich in zwei neuen Büchern publiziert worden, in ‘typisch amerikanischer’ Wissenschafts-Schreibe, fundiert und unterhaltsam-humorvoll zugleich:
“Die Talent-Lüge” von Daniel Coyle und “Talent wird überschätzt” von Geoff Colvin.

Darin wird ein eher prosaischer, demokratischer, ja fast puritanischer Blick in die Welt der Hochbegabten geworfen. Der Schlüsselfaktor, der die “Genies” von anderen gut Ausgebildeten unterscheidet, ist demnach kein “göttlicher Funke” - auch nicht der I.Q., der bekanntermaßen ein schlechter Indikator für Erfolg ist (sogar beim Schach keine entscheidende Rolle spielt).  Stattdessen wird nachgewiesen, dass hingebungsvolles und intensives Üben-Üben-Üben den Meister macht (deshalb heißt es in aufgeklärten Kreisen ja schon lang, dass noch kein solcher “vom Himmel fiel” ;-))

Auffällig bei allen untersuchten Geniegeschichten ist die Fähigkeit der Adepten zu langen Konzentrationsphasen und die intensive Früh-Förderung eines erkennbaren Talents durch Eltern oder nahe Verwandte. Dazu gehört in den meisten Fällen ein soziales und kulturelles Umfeld, in dem Kontakte zu Meistern ihres Metiers ermöglichen, diese Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Solche Rahmenbedingungen können jungen Menschen eine Vision ihrer eigenen Zukunft geben, eine Vorahnung ihrer späteren Teilhabe an einem exklusiven Kreis von “Zauberern”.
Mit solchen Ambitionen und einer Kernkompetenz ausgerüstet fällt es dem Talent leichter, sich die notwendigen Basistechniken des gewählten “Spiels” anzueignen, durch ständiges Training die Einzelelemente in Chunks zusammenzufassen und damit die “fachbezogene” Gedächtnisleistung und Denkgeschwindigkeit zu erhöhen. Dabei ist es wichtig, langsam zu üben und die Aufgaben in kleine, ständig wiederholte Einheiten zu zerlegen, die vom Hirn besser als Reaktions- oder Denk-Pattern internalisiert werden  (weltweit werden deshalb in Leistungssport-Zentren viele Bewegungsabläufe ohne Sportgeräte in Zeitlupe trainiert).
Es entsteht ein tieferer Einblick in die inneren Zusammenhänge, Feinheiten rücken in den Fokus und nach und nach wird aus der bewusst erarbeiteten Kompetenz die unbewusste (man sagt ja auch schlafwandlerische) und automatisiert ablaufende Beherrschung der Techniken - Voraussetzung für jedes meisterhafte Arbeiten.

talent colvin

Colvin und Coyle beschreiben Dutzende von Experimenten, die diese Entwicklungsprozesse verdeutlichen. Auch wenn die wissenschaftliche Forschung viel von dem metaphysischen Zauber überragender Leistungen wegrationalisiert,  betont sie dabei einen oft übersehenen Faktor: Die phänomenale Plastizität unseres Gehirns, die uns über die neuronale “Hardware” und genetische Disposition hinaus eine willensbestimmte Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht.
Coyle resümiert am Ende: “It’s not who you are, it’s what you do.”

Vielleicht ist das Thema ja grad besonders ‘zeitgeistig’, denn auch der Philosoph Peter Sloterdijk hat seinen neuen Groß-Essay “Du mußt dein Leben ändern” diesem Thema gewidmet. Auch darin gehts um die Mühsal des Übens in schwierigem Gelände,  um die Gefahren und das Glück extremer geistiger Klettertouren hoch über dem Basislager der staunend Emporblickenden.
Wer sich ebenfalls Richtung Gipfel auf den Weg machen oder seine Anvertrauten dazu motivieren möchte, kann in der kombinierten Lektüre dieser drei Bücher ‘ne recht passable Orientierung und Grundausrüstung finden.

wf

2 Responses to “Talent, Genie, oder doch Arbeit? - Neues aus der Lernforschung”

  1. 1
    susanne:

    Schon alleine im Bericht habe ich gerade so viel Neues gelesen, dass das Buch eigentlich ein Pflichkauf ist. Dass es dazu noch interessant ist, ist umso besser!
    Vielen Dank für den guten Tip!

  2. 2
    Philosophische Schnipsel » Im Klaustall der Literatur: Auch ein Axolotl nährt sich von Plagiaten:

    […] Groß-Feuilleton mit auffrisiertem Party-Smalltalk füttert, wie es uns mit dem schönen Märchen vom Genie zu unkritischen Bewunderern und ‘modebewussten’ Käufern machen will. Und die Autorin […]

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Du kannst einem Denkzwerg nicht vermitteln, dass er ein solcher ist, da ihm ja die dazu nötige Größe der Einsicht fehlt.


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